...und was es für mich bedeutet.
Nachhaltigkeit zu kennen und Nachhaltigkeit zu leben, sind zwei Seiten einer Medaille. Ich kann natürlich nur meine Sicht der Dinge wiedergeben und schauen, wo ich Handlungsbedarf sehe. Etwas Wichtiges vorweg: Ich bin kein Moralapostel, und viele andere Leute sind mir in puncto Nachhaltigkeit meilenweit voraus.
Trotzdem möchte ich einen Fakt ins Rennen werfen: Würden alle Menschen so leben wie wir hier in Deutschland, dann bräuchten wir knapp drei Erden, um all diese Ressourcen decken zu können.
Ich versuche für mich, etwas Ordnung in den Begriff zu bringen. An erster Stelle steht mein Konsum, an zweiter Stelle die Art, wie ich lebe und wohne, und an dritter Stelle die Art meiner Fortbewegung.
Mein Konsum umfasst eine riesige Menge an unterschiedlichsten Dingen. Auch hier versuche ich, ein wenig zu sortieren:
1. Ernährung
2. Kleidung
3. Dinge des täglichen Bedarfs
4. Hobbys
Ernährung
Das ist meines Erachtens die größte Stellschraube beim Thema Nachhaltigkeit. Auch hier ploppen bei mir viele Gedanken und Fragen auf: Was esse ich? Wo kommt dieses Essen her? Wie wird dieses Essen produziert?
Es sollte klar sein, dass eine Ernährung mit Fleisch, Milchprodukten, Eiern und Fisch einen denkbar ungünstigen Footprint auf diesem Planeten hinterlässt. Unabhängig von den ethischen Fragen zur Haltung von Tieren und deren Schlachtung (Tötung!) kommen Fragen zur Landnutzung und Überdüngung auf.
Ein Blick auf die Landnutzung in Deutschland verdeutlicht das: Von der Gesamtfläche (ca. 35,8 Millionen Hektar) wird fast die Hälfte für die Landwirtschaft (ca. 16,6 Millionen Hektar) genutzt. Davon wiederum entfällt der Löwenanteil von gut zwei Dritteln (rund 10 Millionen Hektar) direkt oder indirekt auf die Tierhaltung und Fleischproduktion – das sind Flächen für Ackerfutter, Dauergrünland und Weiden. Der Rest der deutschen Gesamtfläche teilt sich im Wesentlichen auf in Wald und Forst (ca. 10,7 Millionen Hektar) sowie rund 14,6 Prozent für Siedlungs- und Verkehrsflächen.
Deutschland kann sich rechnerisch zu einem großen Teil selbst mit Lebensmitteln versorgen. Allerdings müssen wir viel Obst und Gemüse importieren. Und – das ist eine sehr spannende Zahl – ein erheblicher Teil der Futtermittel für die hiesige Fleischindustrie muss ebenfalls importiert werden. Für mich heißt das: Wir halten hier mehr Tiere, als wir momentan tatsächlich allein mit heimischen Flächen ernähren können.
Was mir auffällt, ist unser enormer Fleischkonsum. Der reine Pro-Kopf-Verzehr von Fleisch lag in den letzten Jahren bei gut 52 Kilogramm. Ganz nebenbei erhöht sich diese Zahl auf über 70 Kilogramm, wenn man Tierfutter, industrielle Verwertung und Verluste mit einbezieht. Aber ich bleibe mal bei den gut 52 Kilogramm Fleisch und Wurstwaren pro Kopf. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt für Mischköstler maximal 300 Gramm pro Woche – das wären rund 15 bis 16 Kilogramm im Jahr. Wir verzehren also mehr als das Dreifache der empfohlenen Menge. Wie viele Ressourcen könnten wir einsparen? Wie viel Leid könnten wir ersparen? Der Pro-Kopf-Verbrauch bei Fisch liegt übrigens bei rund 12 bis 13 Kilogramm und kommt noch obendrauf.
Ich habe mich da vor Jahren rausgenommen und lebe vegan. Kein Fleisch, kein Fisch, keine Milchprodukte, kein Ei, kein Honig, kein Leder. Und wisst ihr was? Mir fehlt nichts. Weder geschmacklich noch gesundheitlich. Ich supplementiere lediglich Vitamin B12 – was übrigens auch in der konventionellen Nutztierhaltung flächendeckend dem Futter beigemischt wird.
Wo kommt mein Essen her und wie wird es produziert?
Es sollte klar sein, dass Bananen, Avocados, Orangen und Co. eher die Ausnahme auf dem Ernährungsplan bilden sollten als die Regel. Das Obst muss in weit entfernten Regionen angebaut werden und verursacht in den produzierenden Ländern oft Monokulturen, einhergehend mit Wasserknappheit und dem intensiven Einsatz von chemischen Unkraut-, Pilz- und Insektenvernichtern. Auch wenn so manche CO2-Transportbilanz per Schiff rechnerisch gar nicht so schlecht wegkommt, sollte beim Einkauf im Supermarkt eher Zurückhaltung geboten sein.
Dann bleiben noch die konventionell produzierten Lebensmittel hierzulande. Tierische Schlachtabfälle – zum Beispiel Knochen und Sehnen, die aufwendig durch Hitzeeinsatz aufbereitet werden – landen als Dünger aus Tiermehl auf den Feldern. Mehr noch landen Fäkalien in Form von Gülle und Mist auf den Böden, was man mancherorts bei der Feldpflege tagelang riechen kann. Das ist die unmittelbare Folge unseres Konsums tierischer Lebensmittel.
Was gäbe es für Möglichkeiten, Lebensmittel zu bekommen, die einen geringen Impact auf diesen Planeten haben? Selbstversorgung, Solidarische Landwirtschaft (SoLawi), der Einkauf bei lokalen Biobetrieben oder Betrieben, die biozyklisch-vegane Landwirtschaft betreiben. Inwieweit sich das flächendeckend für eine urbane Bevölkerung umsetzen lassen würde, vermag ich nicht im Detail zu erfassen. Allerdings gibt es für mich selbst schon heute die Möglichkeit, meinen Konsum ganz konkret umzustellen.
Einen eigenen Garten habe ich nicht, was allerdings eine perspektivische Option wäre. Auf die Schnelle ist es für mich die lokale biozyklische Landwirtschaft geworden, welche in Kooperation mit Obstproduzenten aus Griechenland arbeitet. Raus aus dem Supermarkt und rein in ein System mit einem wesentlich besseren ökologischen und ethischen Footprint. Das Geld geht ohne Zwischenhändler direkt an die Erzeuger und nicht an große Konzerne. Nebenbei lebe ich wieder saisonal und darf lernen, wie es sich anfühlt, im Zyklus der Jahreszeiten zu essen.
Kleidung
Welche Kleidung ist moralisch, ethisch und ökologisch vertretbar? Wo und wie wird sie produziert?
Diese Fragen stelle ich mir jedes Mal, wenn ich mir neue Kleidung kaufen muss. Eins ist Fakt: Ich trage meine Sachen so lange, bis sie wirklich durch sind. Ich habe kein Problem mit verwaschenen oder offensichtlich reparierten, geflickten Klamotten. Ich lege keinen Wert auf Schick, und es tangiert mich nicht, wenn ich mal nicht „angemessen“ gekleidet sein sollte. Meine Kleidung soll funktionieren – das gilt für mein Stadtleben und meine Draußenzeit gleichermaßen.
Beim Nachverfolgen der Produktions- und Lieferketten wird es allerdings schwierig. Zudem bekomme ich nicht überall faire Bekleidung in Größe XXL oder Hosen, die ich nicht nochmal extra umnähen lassen muss. Für hilfreiche Tipps in diesem Bereich bin ich also sehr dankbar! Bei den Schuhen kaufe ich mir momentan überwiegend Modelle von Freet Barefoot und XERO Shoes. Ich trage ausschließlich vegane Schuhe und mag eine geringe Sohlenhöhe.
Die Dinge des täglichen Lebens
Was brauche ich wirklich, und wie langlebig sind die Dinge? Wenn es irgendwie möglich ist, versuche ich, Plastik zu vermeiden. Es lässt sich zwar in Teilen recyceln, ist aber als Mikroplastik schädlich für unsere Ökosysteme und unsere Gesundheit. Ich versuche, qualitativ hochwertig zu kaufen, und überlege mehrfach, ob ich einen Gegenstand wirklich brauche.
Kapitalismus ist mit langlebigen Produkten schwer umzusetzen, und hier zeigt sich ganz deutlich das eigentliche Problem: Allzu oft werden wir von Werbung und Impulskäufen geleitet. Es hat schon seinen Grund, warum die Psychologie einen so festen Einzug in die Werbestrategien gehalten hat.
Aber auch ich habe meine Achillesferse: Smartphonenutzung und Social Media. Diese modernen Konsumgüter hat man nicht immer als Erstes im Sinn, wenn es um Nachhaltigkeit geht. Allerdings werden für Smartphones ganze Landstriche umgebuddelt, und die Liste der benötigten seltenen Rohstoffe ist immens. Das geht immer mit fossilen Brennstoffen für den Transport einher, und der Wasserverbrauch in den Minen ist gigantisch. Dabei haben wir noch gar nicht über die Satelliten gesprochen, die für unser Kommunikationsnetzwerk notwendig sind – Raketen, die mit Unmengen an Treibstoff in den Orbit geschossen werden. Für unsere digitale Kommunikation benötigen wir riesige Rechen- und Speicherkapazitäten. Die sind extrem strom- und wasserintensiv. Erst ganz zum Schluss kommt der Punkt, der die heimische Steckdose betrifft. Wie viel Energie benötigen wir wohl weltweit, nur um all unsere Smartphones aufzuladen?
Wohnen
An zweiter Stelle meiner Liste steht die Art, wie ich lebe und wohne. Auch hier hat sich in den letzten Jahrzehnten ein stiller, aber gewaltiger Wandel vollzogen. Wir Menschen beanspruchen heute immer mehr Platz für uns allein. In Deutschland liegt die durchschnittliche Wohnfläche mittlerweile bei fast 47 Quadratmetern pro Kopf – vor gut 50 Jahren war das noch nicht einmal die Hälfte. Mehr Raum bedeutet aber auch: mehr Beton beim Bau, mehr Fläche, die versiegelt wird, und vor allem viel mehr Energie, die wir für das Heizen aufwenden müssen.
Wie sieht das bei mir aus? Ich habe keinen Neubau mit modernster Wärmepumpe, sondern lebe – wie so viele hier in Leipzig – im klassischen Bestand. Das bedeutet auch, dass ich ein Stück weit an die Gegebenheiten des Hauses gebunden bin. Ich kann die Heizungsart oft nicht selbst bestimmen. Aber ich kann entscheiden, wie ich damit umgehe: Wie warm muss meine Wohnung wirklich sein? Welchen Stromanbieter wähle ich (echter Ökostrom sollte eigentlich Standard sein)? Und wie richte ich mich ein?
Kapitalismus funktioniert über den ständigen Neukauf. Auch bei Möbeln. Für mich bedeutet Nachhaltigkeit beim Wohnen deshalb vor allem: Langlebigkeit und Minimalismus. Die Dinge nutzen, die schon da sind, reparieren statt wegwerfen. Denn jeder Tisch und jeder Schrank hat einmal Ressourcen verbraucht – oft genau das Holz, das unseren Wäldern heute so dringend fehlt.
Fortbewegung
Der dritte große Pfeiler ist meine Mobilität. Im ersten Teil meines Textes habe ich die großen Automobilkonzerne vor den Toren Leipzigs und unseren Flughafen erwähnt. Die Infrastruktur ist gigantisch – und sie frisst sich durch die Landschaft. Asphaltierte Straßen trennen Ökosysteme, und der Reifenabrieb von Millionen Fahrzeugen ist eine der Hauptursachen für Mikroplastik in unseren Böden und Gewässern. Selbst wer kein Auto besitzt, hinterlässt durch die Nutzung dieser Infrastruktur einen Abdruck.
Für mich selbst habe ich vor Jahren die Entscheidung getroffen, mein Leben so weit wie möglich ohne eigenes Auto zu gestalten. Leipzig macht es einem glücklicherweise recht leicht: Es ist eine Stadt der kurzen Wege. Ich fahre mit dem Rad, nutze die Bahnen der LVB und – was mir am wichtigsten ist – ich gehe verdammt viel zu Fuß.
Das Gehen ist für mich nicht nur Fortbewegung von A nach B. Es ist meine tägliche Draußenzeit. Wenn ich morgens den Arbeitsweg zu Fuß zurücklege, die Vögel in den Bäumen beobachte oder sehe, wie sich ein kleiner Bergahorn durch die Steinfugen am Straßenrand kämpft, verbinde ich mich mit meiner Mitwelt.
Natürlich stoße ich an Grenzen. Wenn ich weiter raus in die Natur will, tiefer in die Wälder, wo Bus und Bahn nicht mehr hinfahren, wird es kompliziert. Nachhaltige Mobilität bedeutet in unserer heutigen Gesellschaft oft noch Verzicht oder zumindest einen viel größeren Planungsaufwand. Aber genau diesen Aufwand bin ich bereit zu betreiben. Es ist mein persönlicher Beitrag für die nächste Generation.
Hobbies
Was machst du in deiner Freizeit am liebsten? Bei mir ist es der Sport. Doch auch mein Sport braucht Sportstätten, die extra dafür gebaut und beheizt werden, oder Hallen, die einen speziell gepolsterten Boden benötigen. Für mein Training nutze ich schwere Sportkleidung, die ebenfalls produziert, verpackt und vertrieben werden muss. Durch das intensive Auspowern muss diese Kleidung zudem oft gewaschen werden, was wiederum Wasser und Energie verbraucht.
Selbst dort, wo ich eigentlich einen Ausgleich suche und mich regeneriere, hinterlasse ich also unweigerlich einen Abdruck. Es zeigt mir einmal mehr: Komplette Nachhaltigkeit gibt es in unserer modernen Welt kaum. Es geht vielmehr darum, die eigenen Hebel zu kennen, bewusst zu konsumieren und dort Verantwortung zu übernehmen, wo wir es selbst in der Hand haben.
Am Ende geht es vielleicht gar nicht darum, perfekt zu sein, sondern jeden Tag aufs Neue die Entscheidung zu treffen, hinzusehen und im eigenen Rahmen Verantwortung zu übernehmen – für uns und für die Generationen, die nach uns kommen.
Wir lesen uns...
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