Das 7-Generationen-Denken: Ein Blick auf Leipzig im Wandel der Zeit
Den Irokesen wird das sogenannte „7-Generationen-Denken“ nachgesagt. Es besagt, dass heutige Entscheidungen so bedacht werden sollten, dass wir unseren Ur-Ur-Enkeln, deren Kindern und Enkeln eine lebenswerte Welt hinterlassen – also gut 200 Jahre in die Zukunft gedacht. Aus genau dieser Perspektive schaue ich jetzt auf das, was ich vorfinde – und auf das, was wir hinterlassen werden.
Blicken wir gut fünf Generationen zurück: Was haben die Menschen vor 150 Jahren gemacht? Was werden die Menschen in 150 Jahren vorfinden? Und noch viel mehr: Was werden sie über uns denken?
Die Vergangenheit: Der Hunger der Industrialisierung
Vor 150 Jahren, im Jahr 1875, war Leipzig eine etablierte, stark wachsende und sehr reiche Stadt. Seit Jahrhunderten gab es die Universität und die Messe. Leipzig war längst an die Eisenbahn angeschlossen, und die Pferdestraßenbahn entwickelte sich rasant. Die Stadt zog immer mehr Menschen an, die Wohnraum brauchten.
In den nächsten Generationen fraß sich die Industrie regelrecht durch die Landschaft. Baumaterialien und Lebensmittel wurden in rauen Mengen für die Abertausenden Arbeiter:innen herbeigeschafft. Die Stadt legte einen beispiellosen Wandel hin: Von knapp über 60.000 Menschen im Jahr 1850 über rund 450.000 im Jahr 1900 bis zum historischen Höchststand von über 700.000 Einwohnern in den 1930er-Jahren. Ich vermag es mir kaum vorzustellen, wie extrem sich die Umgebung innerhalb von nur drei Generationen verändert haben muss, wenn sich die Einwohnerzahl in dieser Epoche verzwölffacht hat.
Es wurde mit Holz und Kohle geheizt und gearbeitet. Die Luft muss unerträglich gewesen sein: Smog im Winter, Gestank im Sommer. Hunderttausende Menschen, die ihre Ausscheidungen und ihren Müll irgendwo hinterlassen mussten. Wenn ich genauer darüber nachdenke, wird mir schwindelig. Im Südraum waren bereits drei Viertel der Fläche für Felder und Bebauung reserviert. Der Braunkohlenabbau fand damals noch unterirdisch statt. Holz wurde in rauen Mengen gebraucht, um die Stollen zu sichern. Das wird wohl viele Eichenleben gekostet haben. Und dann war da noch die stetig wachsende Eisenbahn: Die Bahnschwellen, auf denen die Schienen befestigt wurden, bestanden ebenfalls aus massivem Eichenholz.
Schneller Reichtum für wenige – und viele Menschen als Kriegsfutter. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Leipzig an vielen Stellen zerstört. Für den Wiederaufbau brauchte es erneut: massenhaft Holz.
Halten wir fest: Es ist unvorstellbar, wie viel Holz die Industrialisierung allein in Leipzig gefressen hat. Ein normaler Baum braucht bis zur Fällung 70 bis 120 Jahre. Dicke Eichen benötigen sogar bis zu 180 Jahre.
Die riesigen Krater des Braunkohletagebaus nahmen nach dem Zweiten Weltkrieg erst so richtig Fahrt auf und fraßen sich gnadenlos durch den Leipziger Südraum. Alles, was oben drauf stand – Wälder, Flüsse, Bäche, Felder, Dörfer –, wurde von den riesigen Abraumbaggern einverleibt und als karge Landschaft wieder ausgespuckt. Das wirkt zum Teil bis heute nach.
Und hier schließt sich für mich zum ersten Mal der Kreis: Ich ziehe im Jahr 1998 nach Leipzig. Nur zwei Jahre später wird aus einem ehemaligen Tagebauloch der Cospudener See – ein Naherholungsgebiet, dem noch viele weitere folgen sollten.
Das JETZT: Kulturlandschaft statt Urnatur
Leipzig hat eigentlich eine menge Wald. Ja klar, mehr ginge immer. Allerdings verliert die Stadt Stück für Stück ihren Waldbestand. Das hat viele, vor allem menschengemachte Gründe. Über die Jahrhunderte ist Leipzig von einer kleinen Siedlung zur Metropole gewachsen. Durch den anschließenden Braunkohleabbau wurde das Umland massiv umgestaltet. Unsere heutigen Seen sind kein Ergebnis eiszeitlichen Ursprungs, sondern das Resultat des Raubbaus an der Natur.
Ja, auch ich genieße die Vorzüge der Seen und freue mich über den Sprung ins kühle Nass. Ebenso liegt mein Sitzplatz an einer ehemaligen Kiesgrube. Immerhin verläuft keine hundert Meter von hier entfernt die Batschke, ein Nebenarm der Weißen Elster, der sich heute wieder durch den südlichen Auwald winden darf. (Die spannende Geschichte hierzu gibt es auf Wikipedia zu lesen: wikipedia.org).
Aber zurück zum Wald: Dieser wurde und wird ständig umgestaltet. Der Leipziger Auwald ist an den meisten Stellen kein echter Auwald mehr. Die Hartholzauen, die eigentlich von Ulme, Eiche und Esche dominiert werden, verschwinden Stück für Stück. Flüsse wurden eingedeicht, umgeleitet oder zum Teil trockengelegt. Der Auwald muss heute oft mit dem reinen Regenwasser auskommen, da tiefer gelegte Flussbetten dem Boden das Grundwasser entziehen. Ein Teufelskreis.
Ulmen und Eschen sterben zudem im großen Stil an eingeschleppten Pilzkrankheiten. Auch die großen, alten Eichen kommen durch den Wassermangel immer mehr in Bedrängnis. Der Wald wird stattdessen immer stärker vom Ahorn dominiert. Bis diese Bäume groß sind, braucht es viele Jahrzehnte – während wir gleichzeitig einen nicht unwesentlichen Teil der wirklich alten Riesen verlieren.
Und dann ist da noch die Forstwirtschaft: Dem Leipziger Auwald wird nach wie vor Holz auch für Brennholz entnommen. Holz, das eigentlich als stehendes oder liegendes Totholz im Wald bleiben müsste und somit auch der Artenvielfalt verloren geht.
Dazu kommen die Interessen der Bauwirtschaft und von Mietspekulant:innen. Es kam in Leipzig leider schon vor, dass mit der Kettensäge einfach illegale Tatsachen geschaffen wurden. Organisationen wie die Ökolöwen kämpfen immerhin mutig dagegen an. Dennoch verliert die Stadt unterm Strich mehr Bäume, als nachgepflanzt werden. So richtig gut geht es dem viel gelobten Leipziger Auwald also nicht. (Interessante Fakten dazu liefert Wikipedia: wikipedia.org sowie der lesenswerte Appell der Ökolöwen: oekoloewe.de).
Die ZUKUNFT: Wo bleibt die Vision?
Seit ich mich intensiv für die Natur interessiere, mich weitergebildet habe und bewusst einige hundert Kilometer durch die Leipziger Landschaft und den Wald gelaufen bin, fällt mir immer mehr auf, was mit unserer Mitwelt passiert ist. Ich habe gelernt, die Spuren menschlichen Handelns zu lesen und einzuordnen.
Wie können wir das bewahren, was noch da ist? Wie können wir der Natur wieder mehr Raum verschaffen und ein positives Bewusstsein für sie schaffen?
Seit den 2000er-Jahren wächst Leipzig wieder rasant: Von knapp 500.000 auf momentan rund 630.000 Einwohner:innen. Es wird wieder gebaut, erschlossen, investiert und spekuliert. Der Wohnraum ist knapp, weil Menschen heute schlichtweg mehr Platz beanspruchen als noch vor 50 Jahren. Wir verbrauchen immer mehr Fläche. Im gleichen Umfang sterben im Umland kleine Städte und Dörfer aus, weil es die Menschen in die Großstadt zieht.
Gleichzeitig halten wir vehement an Autos mit fossilem Antrieb fest. Große Konzerne wie Porsche und BMW haben hier zwar viele Arbeitsplätze geschaffen, aber die rechtzeitige Investition in die echte Mobilität der Zukunft verschlafen. Wir leisten uns einen Flughafen mit einem gigantischen Frachtvolumen. Aber wie lange wird das so funktionieren? Um fossile Energien werden weltweit Kriege geführt – diese Ressourcen sind weder sicher noch unendlich. Und obendrein stecken wir mitten in einer globalen Klimakrise.
Was mir im Moment völlig fehlt, ist eine echte Vision. Eine Vision für die sieben Generationen nach mir. Ich weiß, dass ich im Kleinen schon eine Menge bewirken kann. Allerdings reicht das nicht aus, um die Dinge im Großen zu verändern.
Ich habe meine Entscheidung getroffen und übernehme Verantwortung für die kommenden Generationen. Wie sieht es mit dir aus?
Wir lesen uns...
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