Das Holz der Ewigkeit:
Als ich von 2000 bis 2003 im Mellory in der Nikolaistraße arbeitete und Streetwear sowie Schuhe verkaufte, zog es mich in den Pausen oft durch die alten Passagen. Dabei fielen mir immer wieder die vielen Fliesen an den Wänden der Höfe auf – manche weiß, einige leicht fliederfarben. Erst später verstand ich ihre Bedeutung: Sie stammten aus der goldenen Ära des Leipziger Brühls, als die Stadt das Weltzentrum des Pelz- und Rauchwarenhandels war. Die Kacheln reflektierten das Tageslicht tief in die engen Innenhöfe, während das kühle Flieder als natürlicher Weißabgleich diente. Es schluckte harte Reflexionen, sodass die Händler die Farbtiefe und Qualität der kostbaren Felle im perfekten Kontrast prüfen konnten.
Heute, mit 53 Jahren, streife ich als Natur- und Waldpädagoge durch den Leipziger Auwald und sehe die tiefen, unsichtbaren Fäden, die diesen einstigen Welthandel mit unserem Wald verbinden. Ich trage dabei die Brillen einer vielseitigen Biografie auf der Nase. Ich bin kein Theoretiker. Von 1995 bis 1997 habe ich meine Ausbildung zum Zimmermann absolviert. Davor lag eine Zeit im Jugendwerkhof, in der ich eine Ausbildung zum Teilfacharbeiter in der Landwirtschaft machen musste, wobei ich damals in der Pflanzenproduktion gearbeitet habe. Ein erzwungener Weg, der mich trotzdem früh gelehrt hat, was es bedeutet, den Ackerboden zu verstehen, das Wachstum von Pflanzen zu beobachten und mit der Erde zu arbeiten.
Wo andere Menschen im Wald einfach nur eine grüne Kulisse sehen, liest mein Auge durch diese Lebenserfahrung die Holzfaser, den Boden, die Statik und die Jahrhunderte der menschlichen Handwerksgeschichte.
Für einen Zimmermann ist die Stieleiche die Königin des Waldes. Ihr Holz ist Legende. Es ist zäh, schwer spaltbar, vollgepackt mit schützender Gerbsäure und trotzt Wind, Wetter und Pilzen über Jahrhunderte. Eine Eiche wird typischerweise erst mit 180 bis 190 Jahren geschlagen. Sie braucht fast zwei Jahrhunderte, um diesen enormen, massiven Kernholz-Anteil auszubilden, den wir Zimmerleute für tragende Konstruktionen brauchen, ohne dass zu viel unbrauchbares Splintholz übrig bleibt.
Wenn ich vor den uralten Riesen im Wald stehe – ich habe sie fast alle besucht, und die monumentale „Starke Eiche“ im Rosental ist einfach wunderschön –, schlägt mein Handwerkerherz höher. Ich sehe in Gedanken die historischen Dachstühle unserer Altstadt, die mächtigen Deckenbalken, die seit Generationen die Lasten tragen, und die unverwüstlichen Grundschweller im regionalen Fachwerk, die direkt auf dem feuchten Fundament liegen. Eiche war das Fundament, auf dem Leipzig gebaut wurde. Auch die schweren Mühlenwellen und Zahnräder der historischen Leipziger Wassermühlen wurden traditionell aus Eichen-Kernholz gefertigt, weil es unter Wasser mit der Zeit steinhart wird und kaum rottet.
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| Zwei alte Riesen im Park von Lützschena. Die Füße der Napoléon Eiche erinnern mich an Drachenfüße. |
Sogar auf den Flüssen, die sich einst wild durch diese Aue schlängelten – der Pleiße, der Parthe, der Weißen Elster –, steckte die Eiche überall drin. Die historischen Lastkähne wurden zwar wegen des Gewichts und der Kosten nicht ausschließlich aus Eiche gebaut, aber sie war das unersetzbare Rückgrat: Der Kiel, die Bodenplanken und die krumm gewachsenen Spanten – das Skelett des Kahns – bestanden zwingend aus zäher Eiche. Für die Seitenwände wählten die Schiffbauer dann leichtere Nadelhölzer wie Kiefer oder Lärche.
Doch die Eiche lieferte nicht nur Konstruktionsholz. Sie war die Lebensader für die Lohe-Gerber. Über Jahrhunderte holten sie tonnenweise die gerbstoffreiche Rinde der Stieleichen aus dem Wald. Diese „Eichenlohe“ war essenziell, um Tierhäute in robustes Leder zu verwandeln – das Fundament, auf dem später der Pelz- und Lederhandel in den gefliesten Höfen rund um den Brühl florieren konnte.
Dieses Holz war so wertvoll, dass die Stadt Leipzig bereits im Jahr 1367 die Burgaue im Norden aufkaufte, um den Nachschub für das Handwerk langfristig zu sichern. Der Wald wurde über Generationen als Mittelwald bewirtschaftet: Man schlug das Unterholz regelmäßig für Brennholz und Lohe, ließ aber die großen Eichen als „Oberständer“ bewusst über Jahrhunderte stehen. Ein solches lebendes Naturdenkmal steht bis heute im Schlosspark Lützschena: die rund 350 Jahre alte „Napoleoneiche“, die 1813 sogar die Wirren der Völkerschlacht hautnah miterlebte.
Doch egal ob im Norden oder auf meinen Streifzügen durch das Connewitzer Holz im südlichen Auwald, wo ebenfalls noch einige dicke, alte Eichen stolz dem Lauf der Zeit trotzen: Ich sehe ein stilles Drama. Den alten Eichen geht die Zukunft aus.
Die mächtigen Riesen, die wir heute bewundern, sind Relikte der Vergangenheit. Weil wir die Flüsse eingedeicht und reguliert haben, fehlen die natürlichen Hochwasser. Der Auwald trocknet aus. Und da die Eiche eine Lichtbaumart ist, haben ihre Keimlinge auf dem heute dunklen, dichten Waldboden kaum eine Chance mehr. Sie werden vom schnell wachsenden Spitzahorn einfach überwachsen und erstickt. Wenn wir heute durch den Wald gehen, sehen wir die letzte Generation der großen Riesen. In zwei bis drei Generationen wird es diese mächtigen Wächter hier kaum noch geben. Die aktuellen Aufforstungsprojekte der Stadt sind zwar ein Anfang, aber sie werden im großen Stil kaum ausreichen.
Es ist also Zeit, den Eichen wieder Raum zu geben. Doch dafür müsste, wie es die Leipziger Naturverbände völlig zu Recht fordern, der Auwald großflächig vernässt werden. Im Zeichen der weltweiten Klimakrise ist das ein unschätzbarer Hebel: Wir müssen das Wasser in der Landschaft halten, statt es über künstliche Kanäle ungenutzt abfließen zu lassen. Der Wald muss wieder wie ein Schwamm funktionieren.
Doch an genau dieser Stelle holt mich mein Beruf als Zimmermann ein und ich gerate in einen tiefen Zwiespalt. Wir können den Auwald nicht einfach blind fluten. Eine großflächige Vernässung hat unweigerlich massive Auswirkungen auf den städtischen Grundwasserspiegel. Stadtteile wie Schleußig, Plagwitz oder die Südvorstadt grenzen direkt an die Aue und wurden zu großen Teilen auf sensiblem Untergrund gebaut. Viele der historischen Gründerzeithäuser stehen auf tief im Boden verborgenen Holzpfählen oder Rosten. Steigt oder sinkt das Grundwasser unkontrolliert, verändert sich die Tragfähigkeit des Baugrunds. Es drohen feuchte Keller, Auftriebsprobleme und im schlimmsten Fall gefährliche Setzungsschäden und Risse im Mauerwerk – ein statischer Albtraum.
Für mich schließt sich hier der Kreis zum 7-Generationen-Denken auf einer ganz neuen, komplexen Ebene. Es ist ein planerischer und ökologischer Drahtseilakt für die Zukunft: Wie schaffen wir es, den Auwald zu renaturieren und das kostbare Wasser in der Landschaft zu halten, ohne gleichzeitig das statische Fundament unserer gebauten Stadt zu unterspülen? Die Handwerker und Denker vor 300 Jahren haben an uns gedacht, als sie diese Bäume schonten und die Stadt prägten. Nun liegt es an uns, Entscheidungen zu treffen, die sowohl der Wildnis als auch unserem Lebensraum eine sichere Zukunft schenken.
Wir lesen uns...

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